Proust – Das Meer

Das Meer wird immer diejenigen faszinieren, die sich, bevor sie noch den ersten Kummer erlebten, vom Leben angewidert und vom Mysterium angezogen fühlen, als Vorahnung, dass die Wirklichkeit sie nicht werde befriedigen können. Sie, die der Ruhe bedürfen, bevor sie noch jemals Mühsal erfahren haben, das Meer wird sie trösten, wird sie in dunkle Erregung versetzen. Es trägt nicht wie die Erde die Spuren der Werke der Menschen und des menschlichen Lebens. Nichts hat in ihm Bestand, alles durchzieht es nur flüchtig, und wie schnell verschwindet doch die Schaumspur der Schiffe, die es durchkreuzen! Daher rührt jene große Reinheit des Meeres, die den Dingen der Erde fehlt. Und dieses jungfräuliche Wasser ist viel, viel zarter, als die hart gewordene Erde, die sich nur mit einer Hacke aufbrechen lässt. Schon die Schritte eines Kindes im Wasser ziehen mit hellem Geräusch eine tiefe Furche, und seine homogene Tönung bricht sich für einen Augenblick; darin verschwinden alle Spuren, und das Meer ist wieder ruhig geworden wie an den ersten Tagen der Welt. Derjenige, der der Wege der Welt überdrüssig ist oder voraussieht, bevor er sie noch beschritten hat, wie rau und gewöhnlich sie ist, wird der Versuchung der bleichen Bahnen des Meeres nicht widerstehen, die gefährlicher sind und sanfter, ungewiss und öde. Alles dort ist geheimnisvoller, bis hin zu den großen Schatten, die manchmal friedlich über die kahlen Gefilde des Meeres treiben, wo es keine Häuser gibt noch schattenspendendes Laub, und die die Wolken dorthin werfen, diese himmlischen Weiler, dieses wage Geäst.
Das Meer hat den Zauber der Dinge, die auch nachts nicht schweigen, die unserem unruhigen Leben erlauben zu schlafen, die versprechen, dass nicht alles zu nichts werden wird, wie die Nachtlampe der kleinen Kinder, die sich weniger allein fühlen, wenn sie leuchtet .Es ist nicht wie die Erde vom Himmel geschieden, ist immer im Einklang mit seinen Farben, erregt antwortet es schon in seinen zartesten Tönen. Es erstrahlt unter der Sonne, und jeden Abend scheint es mit ihr zu sterben. Und wenn sie verschwunden ist, fährt es fort, ihr nachzutrauern, etwas von ihrer lichtvollen Erinnerung zu bewahren, vor dem Angesicht der eintönig finsteren Erde. Es ist der Augenblick seiner melancholischen und so sanften Spiegelungen, dass man bei ihrem Anblick spürt, wie das Herz schmilzt. Wenn es fast völlig Nacht geworden ist und der Himmel finster über der in Schwärze getauchten Erde steht, leuchtet es noch so schwach, man weiß nicht, durch welches Mysterium, durch welche Reliquie des Tages, die in seinen Fluten begraben liegt.
Es erfrischt unsere Einbildungskraft, denn es lässt uns nicht an das Leben der Menschen denken, und es erfreut unsere Seele, denn es ist wie sie unendliches und ohnmächtiges Streben, sich aufschwingende und immer wieder gebrochen herniedersinkende Kraft, ewige und sanfte Klage. So bezaubert es uns wie die Musik, die nicht wie die Sprache die Spur der Dinge trägt, uns nichts von den Menschen sagt, aber die Bewegungen unserer Seele nachahmt. Wenn unser Herz sich dann in diesen Wellen aufschwingt und mit ihnen zurückfällt, dann vergisst es seine eigene Schwäche und tröstet sich in der innigen Harmonie zwischen seiner Traurigkeit und der des Meeres, die sein Geschick mit dem der Dinge vereint.